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Gonsenheim – Boomtown einst und jetzt

Gonsenheim – Boomtown einst und jetzt

 

 

Seit Jahren haben Baukräne die Lufthoheit über Gonsenheim. Überall werden Wohnhäuser, Reihenhäuser und Hochhäuser gebaut. Gonsenheim wird ganz verdichtet. Zuerst war es das Areal der Kathen-Kaserne, auf dem das Wohngebiet Krongarten entstanden ist, wo schon Tausende von Neubürgern beheimatet sind. Bei der Namensgebung hätte man besser auf die hier jahrzehntelang stattgefundenen Kaisermanöver, die Flugplatzschauen und die Landungen der Zeppeline aufmerksam machen sollen. Jede Woche sieht man Neubauten auf den benachbarten Gonsbachterrassen. Auch der dazwischen liegende Baseballplatz „An der Sandflora“ wird bald bebaut. Die mehr als 15 Jahre leerstehenden Kasernengebäude, die schon zu Ruinen zu werden drohten, werden jetzt im Großprojekt „Pont du Clair“ zu Luxuswohnungen aufgewertet. Auf dem Gelände der Markthalle sind Reihenhäuser entstanden, ebenfalls hinter dem TÜV, direkt am „Großen Sand“. Vor hundert Jahren hat die Mainzer Hautevolee Sommervillen als Altersruhesitz in den Wald bauen lassen. Heutzutage entstehen immer mehr Seniorenheime in Gonsenheim. Manchmal zu sehr an lauten Durchgangsstraßen.

 

Solch ein Bauboom ist für Gonsenheim nicht neu. Zu dem beschaulichen Bauernstraßendorf waren im 19. Jahrhundert viele Arbeiterhäuschen gekommen. Nur noch wenige der ursprünglich 1 ½ -stöckigen Kleingebäude in und um  Graben- und Kirchstraße sind nicht in der Zwischenzeit aufgestockt und erweitert worden.

In der Gründerzeit nach der Reichseinigung von 1871 ging es aber dann erst richtig los. Die verkehrsmäßige Anbindung des großherzoglich hessen-darmstädtischen Dorfes Gonsenheim bei Mainz war äußerst günstig: die Ludwigsbahn befuhr seit 1871 die Strecke Mainz – Gonsenheim – Wörrstadt – Alzey, 1892 war die innerstädtische Dampfbahn  Fischtor  - Rheinstraße - Große Bleiche – Münchfeld – Kaiserstraße (heute Breite Straße) – Finthen dazugekommen. Allerdings mussten bei der Überquerung der Ölwiese die Kohlen durchglühen, damit bei der Fahrt durch die aufkommende neue Prachtstraße Gonsenheims der ausgestoßene Dampf nicht mit Ruß versetzt war, der die Wäsche mit schwarzen Punkten „verziert“ hätte. Vom Mainzer Zentralbahnhof konnte man dann auch drei Mal am Tag nach Paris gelangen.

Der Gemeinderat  und Heimatforscher Adolf Ernst Schuth schrieb später zurückblickend: „1892 im August wurde die Bahn dem Verkehr übergeben und mit erstaunlicher Schnelligkeit wuchsen nun Häuser und Villen aus der Erde. Eine ganze Anzahl neuer Straßen – Kaiserstraße, Schulstraße, Maler-Becker-Straße usw. – wurden in kurzer Zeit ausgebaut, ebenso gelangten an der Heidesheimer Straße und deren Nebenstraßen eine Reihe neuer Villen zur Ausführung.“

Nach der Winterpause mit kurzem, aber äußerst strengem Frost wurde Ende Februar 1894 die rege Bautätigkeit wieder fortgesetzt. Im vorhergehenden Spätjahr waren drei stattliche Villen in der Heidesheimer Straße und mehrere große Gebäude gegenüber der 1882 erbauten prunkvollen Schule – dem mittleren Gebäude des Maler-Becker-Schulkomplexes- „im Bau angefangen worden“. Über den Winter und im Frühjahr mussten sie austrocknen, bevor der Innenausbau starten konnte. Ausschachtungen für zwei weitere Villen und andere Prachtbauten wurden begonnen. Bauland auf dem sandigen, für die Spezialgemüselandwirtschaft weniger nutzbaren Boden war preiswert, die Lage am und im Wald äußerst attraktiv. Gonsenheim galt um die Jahrhundertwende als „Luftkurort“ und Ausflugsziel. So gaben Gonsenheims Neubürger, die für die Bauplätze an die Gemeinde oder die bäuerlichen Besitzer zahlen mussten, einheimischen Handwerkern Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten und führten Steuern und Gebühren an die Gemeindekasse ab. Heute arbeiten auf den Gonsenheimer Bauplätzen Großfirmen von irgendwo her. Außerdem hatte jede Neufamilie „ihren“ Bauern, um zu frischem Obst und Gemüse zu kommen. Die damals üblichen Hausmädchen sorgten schon für die Weiterverarbeitung und die Zubereitung der Mahlzeiten.

Solche Einnahmen erlaubten es dem Gemeinderat, großzügig  die Beleuchtung mit Petroleumlampen an den Haltestellen der Dampfbahn zu übernehmen, obwohl dies die Aufgabe der Bahngesellschaft gewesen wäre. Gaslaternen wurden erst zehn Jahre später eingeführt mit der Eröffnung des gemeindeeigenen Gaswerks 1904 gegenüber dem Gonsenheimer Bahnhof.

Die erste Telefonleitung war schon im Juni 1893 nach Gonsenheim verlegt worden. Eine oberirdische Leitung an hohen Holzstangen zog sich von Mainz dahin bis zum Hause des Kaufmanns Friedrich Secker in der Grabenstraße. Das Geschäft mit einem breiten Angebot „Droguen, Kolonialwaren und Kohlen“ schien gut zu gehen, Mainzer brauchten bei Bestellungen nur den Fernsprechanschluss F.A. 377 zu wählen.                                

Dr. Hermann-Dieter Müller (Heimat- und Geschichtsverein Mainz-Gonsenheim)

 

 

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